An wen oder was glauben wir eigentlich noch?
Wir Menschen sind schon eine eigenartige Spezies: Wir glauben, dass, wenn wir uns erkälten, wir krank werden und enttäuschen uns nicht. Dann gehen wir zum Arzt: Ist er ein netter Mensch und verschreibt teure Medikamente, glauben wir sogar an unsere Genesung, vielleicht auch mit Erfolg.
Wollen wir in Urlaub fahren, so bemühen wir den Wetterbericht (natürlich bei RTL, denn die haben bekannlich immer das schönste Wetter) und haben wirklich keine Zweifel daran, dass die Sonne scheint. Und natürlich das Horoskop: Die Sterne lügen also wirklich selten und wenn mir die Voraussage in den Kram passt, so glaube ich natürlich an die Konstellation von Planeten und Sternen für mein persönliches Glück.
Stelle ich verschiedenen Klienten in meiner Praxis die Frage nach Gott, wird diese oft vehement mit „… den kann es doch gar nicht geben, wo soll der denn bitte schön sein, daran glauben vielleicht noch die Kinder …“ beantwortet und „… wenn man ihn braucht, ist er nie da, und falls es ihn doch geben sollte, schaut er lieber zu, wie Kinder hungern, vergewaltigt werden oder Menschen Amok-laufen….!“
Der Glaube hat eine unglaubliche Macht und Kraft, wenn er wirklich „echt“ und „ehrlich“ ist. Glaube muss sich in meinem Leben wandeln: So, wie ich neue Kleidung und Schuhe kaufen muss, weil ich einfach herausgewachsen bin. Ein Glaube, der sich nicht verändert, der nicht mit uns wächst, ist es nicht wert, dass man an ihm festhält, bringt nichts und entfernt mich von Gott. Wir sprechen von einem „lebendigen“ Glauben, der einer immerwährenden Anpassung unterworfen ist und sein muss. Selbstverständlich glaube ich heute nicht mehr so an Gott, wie ich als Kind daran geglaubt habe, es ist nicht der gütige alte Mann mit Rauschebart, der irgendwie Ähnlichkeit mit Merlin dem Zauberer hat, obwohl auch niemand so genau weiss, wie dieser aussah oder ob es ihn überhaupt gegeben hat. Für einen erwachsenen Menschen werden andere Eigenschaften Gottes wichtiger sein, als für einen Teenager oder ein Kind. Es scheint eine Lebenserfahrung zu sein, dass wir Gott immer anders erleben können, als wir ihn bereits kennen.
Und die Menschen im Alten Testament waren absolut nicht anders, als wir heute. Zweifler gab es und wird es wohl immer geben: Selbst der Prophet Elija musste diese Erfahrung machen:
Elija hatte im Auftrag Gottes erstaunliche Dinge vollbringen können und wusste einen mächtigen Gott hinter sich. Plötzlich schien dieser Faden zu Gott abgeschnitten. Nichts war zu spüren von der Macht und Kraft des Herrn, mehr noch, Elija wird verfolgt und muss um sein Leben fürchten. Er flüchtet sich ins Gebirge Horeb und will sterben. Sein Gott scheint ihn verlassen zu haben, die erhofften Erfolge in seinem Leben bleiben aus, überhaupt scheint das Leben nichts mehr wert zu sein.
In dieser Einsamkeit wartet Elija auf ein Zeichen seines Gottes, machtvoll und gewaltig, so wie er sich seinem Volk Israel in der Vergangenheit gezeigt hatte: In einer Feuersäule, in einem Erdbeben, in einem heftigen Sturm, egal wie, Hauptsache donnernd, mit großem Getöse und wenn es geht, bitte, irgendwie mit großem „tamm-tamm“.
Fehlanzeige: Wie wir im 1 Kön. 19. 11-13 erfahren, Gott zeigte sich nicht so, wie Elija es sich erhofft oder wie er es bisher erfahren hatte.
Selbst der große Prophet Elija muss etwas hinzulernen: Als er kaum noch mit Gott rechnete, offenbarte sich Gott im „leisen Windhauch“. Eben ganz anders, als er gedacht hatte: Gott ist eben immer wieder für eine Überraschung gut. Es ist nicht mehr der Gott, der „dreinschlägt“ und vernichtet, weil sein auserwähltes Volk ihm untreu wird, es ist nicht mehr der Gott der machtvoll auftreten muss um seine Macht zu demonstrieren. Nein, Gott ist sanft, auffällig leise, unauffällig nah und liebevoll und gar nicht so weit weg, wie wir glauben. Hörbar und greifbar auf eine, seine, ganz subtile Art und Weise. Gott setzt seine eigenen Proritäten, die wir nicht verstehen müssen!!!
Gott ist eben nicht so, wie wir ihn gerne hätten, nicht da wo wir ihn suchen und vor allem „funktioniert“ Gott nicht so, wie wir es für richtig erachten. Er verhindert all dieses Schreckliche nicht, weil er uns die Freiheit schenkte (ein ganz hoher Preis), aber er ist an meiner Seite in all dem Schrecklichen.
Wir werden noch viel über Gott lernen und erfahren, wenn wir sensibel bleiben und „glauben“, denn, wer Augen hat zum Sehen, der sehe, und wer Ohren hat zum Hören, der höre.
In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie einen schönen und erholsamen Urlaub verleben durften oder sogar noch vor sich haben – und wer weiss, vielleicht erkennen wir auch, dass Gott auch da präsent ist, wo wir ihn nie vermuten würden: Im Stillen und Ruhigen.
Haben Sie Mut. Mut zum Glauben.
Ihr
Diakon Raymond Hamacher
